Das Leben, das Gesundheitswesen und der ganze Rest

Im Bali Forum hatte ich das Glück, Dr. Richard Beitzen kennenzulernen. Die Gelegenheit, den Arzt für Allgemeinmedizin, Sportmedizin und Chirotherapie auch über die Reform des Gesundheitssystems zu befragen, wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Bevor wir auf der Götterinsel Bali ankommen, sprechen wir darüber, wie die deutsche Politik und ihre Lobbyisten einem Hausarzt die Arbeit und das Leben schwer machen. Und das ist keine Science-Fiction. Leider.

Wie kommt es, dass ein gestandener Arzt durch die Mühlen bürokratischer Verwaltung so frustriert werden kann, wie ich es aus Ihrem ersten Beitrag im Bali-Forum gelesen habe?

Dr. Richard BeitzenFoto: Dr. Richard Beitzen praktiziert in Siegburg-Kaldauen | Wenn man inzwischen mehr als 10 Jahre bei exzessiv ausufernder Bürokratie, überzogenem QM [Qualitätsmanagement; Anm. KG], übermäßiger Dokumentation und Restriktion in der Behandlung von Patienten bei gleichzeitig rapide sinkenden Umsätzen pro Patient im Quartal selbst vermehrt Schwierigkeiten mit der Kassenbürokratie und auch der Hausbank bekommt, kann einem das schon nach einem Jahrzehnt an die Substanz gehen (mental und auch wirtschaftlich!).

Irgendwann ist das Maß voll und man hat keine Lust mehr, mehrfach jedes Jahr neue Vorgaben und Abrechnungsmodalitäten umzusetzen.

Zum Vergleich: vor 23 Jahren, als ich anfing, hatte ich einen Umsatz pro Patient im Quartal zwischen 100,- und 150,- DM, und ich habe bestimmt nicht aufs Gaspedal abrechnungstechnisch getreten, sondern nur angefallenen Leistungen korrekt abgerechnet. Im Jahr 2008 haben meine Kollegin und ich bei ca. 2000 behandelten Kassenpatienten/Quartal einen „Schnitt“ pro Fall zwischen 30,- und 35,- Euro umgesetzt, nicht gewinnmäßig erwirtschaftet. Das ist weniger als die Hälfte im Vergleich zu einem viertel Jahrhundert zuvor.

... vermutlich liegt das auch an den gestiegenen Kosten...?

Ja: Denn gleichzeitig haben sich die Energiekosten vervierfacht, die Helferinnengehälter deutlich mehr als verdoppelt (damals 2.300,- DM (brutto) bei 40 Std/Woche + 24 Urlaubstagen/Jahr, jetzt 2.700,- Euro (brutto) bei 35 Std./Woche und 30 UT (pro Helferin, nicht für alle auf einmal!). Die Arbeitgeberbeiträge zu den Sozialabgaben, die MWSt. (die wir in der Arztpraxis NICHT als Vorsteuer abziehen können!) sind ebenfalls mindestens 50% teurer als damals.

Wir erleiden auf der Einnahmenseite die klassische Planwirtschaft, aber erliegen auf der Kostenseite der freien Marktwirtschaft. Mehr und gute Leistung (medizinische Leistung und Dienstleistung!) lohnt sich nicht und der Wettbewerb greift hier auch nicht: wer viel Zulauf hat, kriegte pro Patient deutlich weniger als der, der wenig Zulauf hat. Das bedeutet nebenbei auch, das Risiko, krank zu werden (Morbiditätsrisiko) liegt beim Leistungsanbieter (Arzt) und nicht definitionsgemäß beim Versicherer (Krankenkasse!).

Was mich aber am meisten stört, ist der unfaire Umgang mit dem §12 des SGB V (Gesetz!!! Sozialgesetzbuch!), dem Wirtschaftlichkeitsgebot. Ich darf dem Patienten NUR das verschreiben, was wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig ist, dem Patienten wird aber seitens der Gesundheitspolitiker und den Kassen vorgegaukelt, er habe Anspruch auf Behandlung „vom Feinsten“.

Bitte erläutern Sie das etwas genauer.

Wenn der Patient eine Behandlung (Medizin- oder Heilmittel-) wünscht, muss ich die ablehnen, wenn diese eben NICHT den o.a. Kriterien entspricht. Wenn ich das doch tue und verschreibe, dann komme ich in Regress-Gefahr, d.h. die Kassen holen sich per Prüfverfahren und Entscheid einen satten Anteil an den Mehrkosten durch „unwirtschaftliche“ Verordnungen von mir zurück!

Ich verweigere also dem Patienten seinen Wunsch mit Hinweis auf die Gesetzeslage, woraufhin der gleich zu seiner Krankenkasse rennt und sich beschwert. Die bringen dem natürlich viel Verständnis entgegen (kostet die ja auch nix!) und sagen: „Wir erstatten alles, was der Doktor verordnet!“ Vergessen aber zu erwähnen, dass die sich das Geld bei Bedarf von mir zurückholen.

Da bist Du doch für Deinen Patienten mit gewissem Recht der „Sparminister“, der ihm seine ihm gut tuenden Massagen nicht verschreiben will, mit anderen Worten der Arsch und nicht mehr der Arzt!

Schon biste den Patienten los. Es ist wie im antiken Griechenland: der Überbringer der schlechten Botschaft wird geköpft und nicht der Verursacher. Und das ist den Kassen und den Versagern in der Gesundheitspolitik ganz recht so!!

Was bedeuten Ihnen Ihre Patienten?

Ich bin mit Leib und Seele Hausarzt in meinem Sprengel und kenne ganz viele Familiengeschichten inzwischen über 3-4 Generationen, d.h von der Urgroßmutter bis zum Urenkel habe ich Patienten aus vielen Familien gesehen, viele Schicksalsschläge begleitet und viele „letzte Wege“ erleichtert. Ja, unsere Branche macht die Inventur auf dem Friedhof und man liest die Tageszeitung mit den Sterbeanzeigen mit völlig anderen Augen, ja auch im Sinne von Selbstzweifeln, ob man wirklich das Richtige sorgfältig getan hat. Bei uns bekommt KEIN Patient eine Verordnung (außer Dauermedikamenten wie z.B. bei bekanntem Bluthochdruck oder Diabetes) OHNE vorherige Anamneseerhebung (das heißt, er soll und darf seine Beschwerden/Sorgen schildern!) und Untersuchung.

Ist die Gesundheitsreform noch zu retten?

NEIN, so nicht, die müsste grundsätzlich revolutioniert werden im Sinne einer Kostenerstattung mit Risikobeteiligung seitens des Patienten. Es gibt solche Ansätze bei Gesundheitsfachleuten jeder unserer politisch führenden Parteien, aber die sind nach Meinung der Fraktionsvorsitzenden NICHT mehrheitsfähig und deshalb werden diese Ansätze unter Verschluss gehalten.

Im Augenblick formuliert in dieser Richtung nur die FDP ganz akzeptable Gedanken. Die große Koalition hat in den ersten 2 Jahren Zeitfenster der Regierungszeit eine Riesenchance vertan, das Ding grundsätzlich zu revolutionieren. Aber ich bin mir sicher, das ist so gewollt, denn eine übermächtige Einflussgröße ist die „Bertelsmann-Stiftung“, die in den meisten großen Verlagen beteiligt ist und ebenfalls an Klinik-Ketten wie Rhön, Asklepios im Vorstand oder Aufsichtsrat sitzen (Prof. Lauterbach übrigens auch!) und denen die freie ambulante Medizin ein Dorn im Auge ist wegen schlechter Manipulierbarkeit. Die wollen satte Gewinne machen, der Mensch/Patient geht denen doch am Arsch vorbei. Lagen Sie mal als Kassenpatient in einer Klinik dieser Ketten? Die setzen alles dran, die ambulante Facharztmedizin in den nächsten 10 Jahren zu vernichten und die Hausarztmedizin an die Kliniken anzubinden!! Diese Bertelsmann-Stiftung ist übrigens auch der geistige Urheber der „Agenda 2010“.

In meinen Augen arbeitet die SPD zumindest in der Gesundheitspolitik an einer „Aktion 15%“, d.h. sie will maximal 15% der Stimmen bekommen.

Ist die Gesundheitsreform auf den demografischen Wandel in Deutschland eingestellt?

NEIN!

Welcher Aussage stimmen Sie eher zu: a) mein Beruf als Arzt ist eine meiner Rollen, die ich (mit großem Einsatz) spiele, aber nicht alles, was mich ausmacht. oder b) Ich bin Arzt.

Das ist mir zu schwarz/weiß! Ich spiele keine Rolle als Arzt, ich bin es mit Leib und Seele. Aber ich habe auch ein Recht und eine Pflicht, mein Leben lebens- und liebenswert zu gestalten, es gibt da Interessen außerhalb der Praxis und ich gestatte es keinem Patienten, außer er ist mit mir verwandt oder befreundet, mich in meiner Freizeit mit seinen Problemen zu behelligen, dafür ist in den praxisfreien Zeiten der Notdienst geregelt. Die Zeiten des Landarztes, der 24 Stunden 365 Tage im Jahr anlaufbereit für seine „Kundschaft“ ist heute nicht mehr anzutreffen, jedenfalls nicht in Stadt und Stadtrand. Ganz weit auf dem freien Land mag das noch so sein, deshalb verwaisen dort auch inzwischen viele Arztsitze, weil keine/r mehr für sooo wenig Geld sooo einen zeit- und verantwortungsintensiven „Job“ machen will.

Würden Sie auch auswandern, wenn rechnerisch der Unterschied in den Lebenshaltungskosten minimal wäre?

Nicht unbedingt, ich finde es landschaftlich, kulturell und oft auch klimatisch ganz schön hier in unserer Bananenrepublik Deutschland, wenn auch politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich hier Vieles im Argen liegt und wir weit über unsere Verhältnisse leben. Die Folgen werden unsere Kinder und Enkel zu tragen haben.

Und wie wichtig ist für Sie die Entscheidungsfreiheit über die eigenen Lebensumstände?

Sehr sehr wichtig. Diese Gängelei und ständige Nachschröpfung seitens der Regierung bei Finanzbedarf ist unerträglich, besonders da wir Fuß-“Volk da draußen in unserem Lande“ keinen Einfluss auf die Geldverwendung im Staatshaushalt haben.

Warum wollen Sie auswandern, was gab den Ausschlag?

Weil ich unter den oben beschriebenen Umständen NICHT bis 65 diesen Job aushalten und bei seelischer Gesundheit überleben kann!! Und die 1500,- Euro der Rente, die ich ab 60 vorzeitig ausbezahlt bekomme, reicht für hier definitiv nicht, erst recht nicht, wenn Steuern und Krankenkassenbeitrag davon bezahlt werden müssen.

Warum fiel Ihre Wahl gerade auf Bali?

Weil mir die asiatisch-indonesische Mentalität liegt (ich bin als Student mal 6 Monate mit einem VW-Bus von hier immer am Meer lang bis Südindien und Nepal gereist, insgesamt 39.000 km), weil ich von Bekannten einen Tipp bekommen habe, dass es sich dort gut und einfach leben lässt bei sehr attraktivem Klima und geringem Geldaufwand und dass einem mit meiner Profession (obwohl ich dort nicht als Arzt arbeiten will, aber Nachbarn würde ich sicher gerne helfen ohne Honorar) deutlich mehr Respekt als hier entgegengebracht bekommt.

Denken Sie heute manchmal, Sie haben den falschen Beruf gewählt?

Nein, nicht wirklich, nur habe ich wohl zu spät damit angefangen. Vielleicht hätte ich besser ein anderes Handwerk erlernt, wo Leistung angemessen bezahlt wird. Auf die berufliche Selbstständigkeit könne ich wohl nie mehr verzichten!

Wie reagieren Familie und Freunde auf Ihre Pläne?

Die äußern Verlustängste! Die Frau an meiner Seite käme wohl mit, aber erst in einigen Jahren, weshalb meine Auswanderer-Pläne nun auch nicht mehr so hektisch und kurzfristig sind. Bis dahin könnte ich mich hier wohl auch mit Zusatz-Jobs zur Rente oder auch einigen Privatpatienten finanziell über Wasser halten. Ich habe keinerlei finanzielle Rücklagen, ich habe dafür zu gut gelebt und die richtig „guten Honorar-Zeiten“ (so 1975-1988) nicht mitbekommen, da ich mich erst 1986 niedergelassen habe.

Selbstredend würde ich vorher zusammen mit ihr 4-6 Wochen auf Bali testwohnen (und nicht nur im Hotel wie bei meinem letzten Besuch dort).

Haben Sie einen bestimmten Wohnort als Ziel?

Nein, da bin ich mir noch nicht sicher, aber eindeutige Tendenz eher im Südosten der Insel so um Gianyar und Semarapura, in den Terassenfeldern, die zu den Vulkanen ansteigen, eher als im Norden, nördlich von den Vulkanen!

Welche Kriterien sind Ihnen bei der Wahl wichtig?

Angenehmes Klima, gerne 25-30 Grad (kühlendes Lüftchen von Osten her) und das Meer in erreichbarer Entfernung und den Gunung Agung im Blickfeld…;-))). [der Gunung Agung ist ein Vulkan und mit 3.142 m der höchste Berg Balis; Anm. KG] (und ein besonderer, heiliger Berg, dessen Gipfel oft wolkenverhangen ist!).

Jedenfalls weit genug weg von den Touristen-Reservaten.

Soweit ich weiß, verbrachten Sie 5 Wochen in Bali. Ihre Landeskenntnis scheint damit recht schmal. Wie sieht der Plan B aus, falls es auf Bali nicht wie geplant laufen sollte?

Ich bin in der Zeit über 2000 km allein in einem Jimmy-Jeep mit ausgeschalteter Air-Condition bei geöffneten Fenstern queerbeet und einmal ganz rum gefahren, aber eindeutig bevorzugt in den Bergen.

Mehrfach bin ich die Strecke nach Bedugul und von dort am Danau-Buyan und Tamblingan vorbei nach Mayong, Seririt und zurück über Busungbiu, Pupuan nach Bajera getuckert.

Tanah Lot fand ich grauenvoll und viel zu voll!!! Kuta habe ich immer weiträumig umfahren!! Nicht ein einziges Mal war ich dort. Einmal Jimbaran am Strand zum Fischessen angekobert hat mir vollends gereicht.

Aber gerne stimme ich zu, dass diese Erfahrung keinesfalls ausreichend ist. Deshalb steht VOR der endgültigen Entscheidung, die auch von den Bali-Eindrücken meiner Liebsten abhängig ist, erst mal ein 4-6 Monate dauernder Aufenthalt dort auf der Insel und zwar auf dem Land in einem gemieteten Haus.

Herr Beitzen, herzlichen Dank für dieses Gespräch! Und ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie auf Bali eine neue Heimat finden.

Dr. Beitzen schloss unsere Korrespondenz mit einem Postscriptum, das ich hier unbedingt noch anfügen möchte:

P.S. Ach ja, außer meiner Herzallerliebsten nähme ich einen Container voll Bücher, Musikinstrumente, Noten und ein paar Kisten guten französischen Rotwein mit. Alles andere gibt es sicher dort?! 


Besuchen Sie Dr. Beitzen auf seiner Homepage www.Dr-Beitzen.de, mit Vita, Infos zur Praxisgemeinschaft und einem Leistungsüberblick

veröffentlicht: 28. April 2009

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