Tobago - neue Heimat, neue Hoffnung

Jörg Kilian erkundete Tobago zunächst als Rucksacktourist, dann wurde die Karibikinsel zur neuen Heimat. Wir sprechen darüber, wie er heute zum Auswandern, zu Tobago und zu Deutschland steht.

Warum sind Sie ausgewandert, was gab damals den Ausschlag?

Bereits während meines Studiums habe ich auf verschiedenen Reisen die warme Sonne in südlichen Länder schätzen und lieben gelernt. Nach Tobago gelangte ich eher durch Zufall. Ich hatte einige Wochen Urlaub und verreiste wie gewohnt mit dem Rucksack. Dort lernte ich die einheimische Mutter meines Sohnes kennen – und so kam eins zum anderen…

Allerdings stelle ich mir die Frage nach meiner Auswanderung derzeit auch - wenige Tage nachdem Tobago durch einen brutalen Doppelmord an zwei deutschen Rentnern für unrühmliche Schlagzeilen gesorgt hat. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und Freunden des ermordeten Ehepaares. Ich bin tief bestürzt und möchte mein Mitgefühl ausdrücken. Diese schlimme Tat ist eine Schande für Tobago.

Warum gerade Tobago?

Leider ist Kriminalität in der Karibik ein Problem. Das Kokain kommt aus Südamerika und die Waffen aus den USA. Dazu kommen Korruption, soziale Gegensätze, ein Versagen staatlicher Institutionen und noch einiges mehr. Ansonsten ist es hier warm, es gibt schöne Strände – ich verliebte mich in die Mutter meines Sohnes. Zudem wusste ich vor einigen Jahren noch nicht entsprechend zu schätzen, was es bedeutet, in einem freiheitlichen, sozialen und demokratischen Rechtsstaat zu leben, der funktionierende Institutionen und eine verhältnismäßig geringe Verbrechensrate zu bieten hat.

Tobago Charlotteville
Naturparadies auf Tobago | © J.Kilian

Wer begleitete Sie?

Ich reiste alleine als Rucksacktourist nach Tobago.

Wie war die Reaktion der Familie und der Freunde und Bekannten?

Einige müssen gedacht haben, dass ich einen Knall habe. Mittlerweile kann ich diese Reaktion nachvollziehen…

Sie sind Diplom-Politologe. Was bedeutet Ihnen die Ausbildung und dieses Diplom heute?

Ich habe gelernt, wissenschaftlich zu arbeiten, eins uns eins zusammenzuzählen und ich lasse mich in politischen bzw. gesellschaftspolitischen Diskussionen vielleicht weniger leicht von Populisten oder durch Halbwahrheiten verarschen. Auch in meinem Blog ist es mein Ziel, Halbwahrheiten und populistische Thesen auf wissenschaftliche und trotzdem unterhaltsame Weise zu widerlegen. Auch bei meiner Resozialisation in Deutschland wird mir mein Abschluss hoffentlich helfen…

Hatten Sie einen bestimmten Wohnort als Ziel?

Nein.

Wer half Ihnen bei den ersten Schritten?

Ich mir selbst – und es gab Leute, die ich fragen konnte nach dem Weg zu gewissen Behörden.

Wie organisierten Sie die erste Wohnung, den Hauskauf?

Durch den Tipp eines einheimischen Ferienhaus-Besitzers bekam ich die Adresse meiner ersten Vermieterin; ansonsten ging ich auch schon mal von Haus zu Haus und fragte, ob dort Apartments zu mieten seien…

Welche Erfahrungen machten Sie mit den Behörden?

Ich habe nie Schmiergeld bezahlt und bin auch nie aufgefordert worden, welches zu zahlen – wahrscheinlich wäre ich auch einfach zu blöd für solche Sachen. Manchmal ist es mühselig, manchmal bin ich genervt. Über einige konkrete Begebenheiten auf Behörden möchte ich an dieser Stelle nicht reden…

Wie darf man sich die Internetanbindung auf Tobago vorstellen?

Blink, ist recht schnell – kostet ca. 25€ im Monat

Was erlebten Sie mit dem Schulbesuch Ihres Sohnes?

Ich erinnere mich gerne an professionelle und liebevolle Lehrer, die leidenschaftliche Direktorin meines Sohnes und auch an seine guten Freunde, die ein offensichtlich liebevolles Elternhaus genossen haben. Die Organisation dieser Privatschule durch die Eltern wird von vielen als abenteuerlich oder einfach karibisch empfunden.

Fahren Sie eigentlich noch in den Urlaub?

Na klar! Wissen Sie wie schön Deutschland ist?

Wie lernten Sie Bekannte und Freunde kennen?

Auf meinen zahlreichen Rucksackreisen habe ich gelernt, wie man Leute kennenlernen kann – wenn man es denn möchte. Hinzu kommt noch, dass sich die paar Deutschen in Tobago fast wie von selber finden…

Welche beruflichen Erfolge konnten Sie verzeichnen und/oder Rückschläge mussten Sie hinnehmen?

Ich freue mich, dass ich durch die Vermittlung von Unterkünften und als Manager eines Ferienhauses meinen Lebensunterhalt verdienen konnte. Nach den schlimmen Nachrichten aus Tobago ist sicherlich nicht mit einem verstärkten Aufkommen an Touristen zu rechnen. Folglich wird die Regierung von Tobago in Kürze wieder behaupten können, dass die Gesamtanzahl der Verbrechen an Touristen stark zurückgegangen sei. Trotzdem habe ich die Hoffnung, dass sich in Tobago etwas zum Besseren verändern wird. Wenn man aus gewissen tragischen und sinnlosen Ereignissen auf allen Ebenen lernt, dann kann ein Tourist schon morgen eine höhere objektive Sicherheit genießen als in all den vergangenen Jahren.

Wem empfehlen Sie die Auswanderung nach Tobago und wem eher nicht?

Jeder Mensch ist anders – ein Individuum eben. Von daher sollte ich jedem potentiellen Auswanderer einen persönlichen Tipp geben - sofern er mich denn fragen sollte. Tobago ist aber kein klassisches Auswandererland – eher geeignet für Schriftsteller, Erben oder Rentner. Wobei ich Rentner noch kurz auf die bessere Gesundheitsversorgung in Mitteleuropa hinweisen möchte. Ganz allgemein: Behaltet Kontakt zu Familie und Freunden in der Heimat – wenn möglich. Vor manchen Dingen/Problemen kann man bis ans Ende der Welt weglaufen, und man wird sie doch nicht los. Andere vermissen im kalten Deutschland die Sonne von Tobago und geben dafür wesentliche Dinge auf wie Familie, Freunde, Rechtsstaatlichkeit, Sozialstaat oder funktionierende Institutionen eines demokratischen Rechtsstaates.

Diese Tipps sind nicht speziell auf Tobago bezogen, aber es sollte von Vorteil sein, wenn man sich vor dem Schritt der Auswanderung intensiv und auch schonungslos mit seiner potentiellen Wahlheimat beschäftigt. Ich habe beobachtet, dass viele Auswanderer die Insel zuerst durch die rosarote Brille betrachtet haben. So ist es wohl auch auf anderen Ebenen des Lebens, wenn man sich verliebt.

Wie stehen Sie heute zu Ihrer Auswanderung?

Ich habe in meinem Leben schon mal bessere Entscheidungen getroffen.

Danke für das Interview! (veröffentlicht am 4.12.2014)

Jörg Kilian schreibt ein Blog über seine 2169 Tage in Tobago

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