Russlands Wirtschaft

Die Wirtschaft in Russland ist seit Wladimir Putins erster Amtszeit bis 2004 stark gewachsen. Insbesondere seine Steuerpolitik fand internationale Anerkennung. Die tiefgreifenden Strukturreformen liberaler Prägung sind in Putins zweiter Amtsperiode seit 2004 aber nur noch langsam vorangekommen. Doch sowohl politisch wie wirtschaftlich ist Russland wieder eine Großmacht geworden, mit der man - nicht nur in Europa - rechnen muss.

Der vorletzte große Schock für die Wirtschaft war ausgelöst durch die Asien-Krise. Investoren zogen Gelder ab, die Aktienkurse fielen, der Staat konnte seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Den damaligen Ersten Mann Russlands, Boris Jelzin, trafen die Ereignisse schlecht vorbereitet. Auch wenn die Finanzmarktkrise 2008 einige Parallelen aufweist, liegen doch Welten dazwischen. Eine Zahl zeigt den Unterschied: Während 1998 beim Ausbruch der Krise der nominale Erdölpreis rund 8 Dollar je Fass betragen hatte, stand er während der jüngsten Turbulenzen zwischen 90 und 100 Dollar je Fass.

Die Wirtschaft und das Öl

Mit dem Erdölexport hat Russland in den vergangenen Jahren Auslandsschulden zurückbezahlt, so dass der russische Staat heute größtenteils schuldenfrei ist. Außerdem wurden hohe Währungsreserven aufgebaut. Als Island im Oktober diesen Jahres vor dem Staatsbankrott stand, stellte Russland Milliardenkredite in Aussicht. Die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit Russlands ist gebannt.

Wie aber konnten die Kurse an den russischen Märkten überhaupt so stark abstürzen? Mehrere Ursachen spielen zusammen:

  • Bedenken zur Corporate Governance in Russland - auch "bürokratischer Kapitalismus“ oder „staatlicher Monopolkapitalismus“ genannt
  • Die Fehleinschätzung der politischen Führung, Russland sei aufgrund seiner Öleinnahmen unabhängig von internationalen Entwicklungen
  • sinkende Rohstoffpreise
  • die gestiegenen politischer Risiken in Folge der Georgienkrise
  • die undurchsichtige Arbeitsteilung zwischen Ministerpräsident Wladimir Putin und Präsident Dmitrij Medwedjew

Die Folge: Größere Vorsicht und eine negative Grundstimmung internationaler Investoren gegenüber Russland als Wirtschaftsstandort. Dazu schreibt die F.A.Z. vom 6.10.:

"Bevor die Lage an den internationalen Finanzmärkten nicht geklärt ist, werden Nettokapitalabflüsse im Urteil des IWF noch anhalten. Eine Rolle dabei werden auch die Positionen spielen, die aufgebaut worden waren, um auf einen steigenden Rubelkurs zu setzen. Neben Portfolioinvestoren könnten aber auch Direktinvestoren aufgrund der höheren Finanzierungskosten abgehalten werden, Kapital nach Russland zu bringen."

Seine heutige Größe hätte die Wirtschaft in Russland - oder sagen wir es ruhig, hätte Russland nicht erlangt ohne Öl und Gas. Die kaum vermeidliche Schwachstelle war, zu stark auf die Befriedigung des Energiehungers des Westens zu setzen. Für die "Monokultur" wurde die wirtschaftliche Gesamtentwicklung vernachlässigt. Zwar wird seit Jahren Diversifizierung der Wirtschaft propagiert, der Anteil der Energiegüter an den Gesamtexporten ist jedoch wertmäßig weiter gestiegen.

Ausblicke

Die russische Regierung hatte angekündigt, mit Mitteln aus der Staatskasse Aktien von Staatsunternehmen zu kaufen. Damit würde aber nur der Staatsanteil in der Wirtschaft steigen, was nicht nach einer Politik zur Anziehung von Investoren klingt.

Das gefährlichste Szenario für die russische Wirtschaft sind die gleichzeitige Abschwächung der Weltkonjunktur und fallende Rohstoffpreise. Es muss sich noch zeigen, ob die Nachfrage der aufstrebenden Länder nach Kohle, Erdöl, Stahl, Kupfer und Gas die sinkende Nachfrage der Industrieländer kompensiert.

Der russische Staat wird mit rund 200 Milliarden Dollar angeschlagenen Finanzinstituten unter die Arme greifen. Das Ziel, Moskau als internationales Finanzzentrum zu etablieren, scheint vorerst in weite Ferne gerückt zu sein. Doch könnte die Krise zum Katalysator für bisher versäumte Reformen fungieren.

Zunächst jedoch sind die Finanzierungskosten für russische Unternehmen und Banken stark gestiegen. Kreditaufnahmen und Refinanzierung alter Schulden haben sich verteuert. Russische Unternehmen müssen im vierten Quartal Kredite in Höhe von 45 Milliarden Dollar an ausländische Geldgeber zurückzahlen oder refinanzieren. Das ermittelte die Ratingagentur Standard & Poor's.

Von all dem sind die Wachstumsprognosen für das russische Bruttoinlandsprodukt noch nicht gedämpft.  Die Prognosen für das Jahr 2008 gingen lediglich von 8 Prozent auf rund 7 Prozent zurück. Für 2009 wird ein Wirtschaftswachstum von zwischen 6 und 6,5 Prozent erwartet.

Eine der vorrangigen wirtschaftspolitischen Aufgaben in Russland wird die Eindämmung der Inflation sein. Der Jahresdurchschnitt seit 2004 sieht so aus:

  • in 2004 10,9 Prozent
  • in 2005 12,7 Prozent
  • in 2006 9,7 Prozent
  • in 2007 9,0 Prozent
  • in 2008 13,8 Prozent laut IWF; die Regierung geht von 11,8 Prozent aus
  • Für 2009 wird die Inflation auf 8,4 Prozent geschätzt

(Quelle: Bfai; IMF)

Könnte es sein, dass in Russland immer noch der Zusammenbruch des Sozialismus nachwirkt? Überlegen wir mal:

Die UdSSR war eine Weltmacht, halb Europa war ihr Einflussbereich. Sogar in Angola und Kuba gab es Verbündete. Die Macht Moskaus umfasste Zentralasien, die Ukraine, den wilden Balkan (Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien ...), Ungarn, Polen, Tschechien und die Slowakei, Ostdeutschland (DDR), und das Baltikum. Dann begann Gorbatschow 1985, den "Umbau des Sozialismus": die Perestroika. Die Aufgabe machte ihn im Ausland zum Star, in Russland war er erst ein Hoffnungsträger und dann doch nur einer, der etwas versucht hatte, ohne es zu Ende zu bringen. (Wie immer das gute Ende hätte aussehen können). Gestern noch eine Weltmacht, heute ein Trümmerhaufen, ein Krüppel. Gestern gefürchtet, heute vergessen. Und wer oder was hatte das Imperium besiegt? Das konnte keiner erklären.

Dann kam 2000 Putin. Wladimir Putin hatte Karriere im Geheimdienst KGB gemacht. Er setzte liberale Reformen durch, senkte die Steuern, öffnete die Märkte. Davon ist wenig geblieben.

Die Geschichte von Väterchen Baikal und seiner Tochter Angara

Eine Legende besagt, dass der alte Baikal seine Tochter Angara über alles liebte. Sie war sein einziges Kind und sie umsorgte ihr Väterchen mit allem, was er benötigte. Sie las ihm die Wünsche von den Augen ab. Für ihn war die Welt in Ordnung, aber er kannte seine Tochter wenig. Wie sie im Wald sang, wenn sie unterwegs war, wie sie träumte, wenn sie allein war, davon wusste Baikal nichts. Eines Tages wurde es Angara zu einsam mit dem Väterchen und sie flüchtete zu ihrem Geliebten Jenissei. Ihr Vater war außer sich vor Zorn. Er warf ihr einen großen Stein hinterher. Dieser Stein markiert noch heute die Grenze zwischen Baikal und Angara. - Diese Legende zeigt etwas von der russischen Mentalität, die Natur und das Heimatland sind etwas Lebendiges. Wer in Russland Geschäfte machen will, hat Erfolg, wenn er die Russen versteht. Mehr zum Thema: Interkultureller Umgang.

Webtipps

Russlands Wirtschaft in Wikipedia

Bewerte den Artikel: 
Durchschnitt: 4.6 (7 votes)