Auswandern in die Türkei

Anıtkabir. Das Grab von Mustafa Kemal Atatürk (1881 – 1938), Staatsgründer und erster Präsident der Türkischen Republik.

Ich hielt die Türkei, was das Auswandern angeht, für eines der weniger interessanten Länder. Aber die hohe Zahl von Wegzügen aus Deutschland in die Türkei zeigt, dass es nicht so ist und erfordert eine nähere Betrachtung. Der Landesüberblick zeigt eine Republik, gegründet nach westlichem Muster, in Kleinasien, auf dem Boden der antiken Welt. Die Nummer Sechs der wichtigsten Zielländer der Deutschen.

Steckbrief: Türkei in Zahlen

DatenKommentar
Amtssprache: Türkisch
Hauptstadt: Ankara
Fläche: 783.562 km²mehr als doppelt so groß wie Deutschland
Einwohnerzahl: 83.614.362(2020)
Bevölkerungsdichte: 103 Einw. je km², im europäischen Teil: 408 Einw.(Deutschland: 233/km²)
BIP je Einwohner: 9.684 USDnominal, #73 weltweit
Human Development Index: 0,82#54 weltweit
Deutsche im Land: 88.539Eurostat 2020
Ausländeranteil: 3,8 %UN Erhebung aus 2015
Türkei auswandern - fremde Kultur: Minarett einer Moschee, im Hintergrund braunes Hügelland.

Ein anderer Kontinent, eine andere Kultur

Viele Türken sind Muslime. Sie nehmen weder Alkohol noch Schweinefleisch zu sich. Das hat Auswirkungen, auch wenn Sie nicht dieser Religion angehören. Wenn Sie in die Türkei ziehen, stellen Sie sich darauf ein, wenn Sie Ihre türkischen Freunde zum Abendessen einladen. Mit Lamm, Hühnchen oder Fisch zum Essen sind Sie auf der sicheren Seite, bis Sie mehr über Überzeugungen und Vorlieben ihrer Gäste wissen.

Gastfreundschaft ist ein wichtiger Aspekt der türkischen Kultur. Viele Expats sind jedoch schockiert, weil Türken andere Grenzen im Persönlichen ziehen als Europäer. Besonders diejenigen, die an größere persönliche Distanz gewöhnt sind, müssen sich umgewöhnen. Es ist wichtig, dass Sie ein Gleichgewicht zwischen Gastfreundlichkeit finden, ohne dass Freunde oder Nachbarn in Ihren persönlichen Raum eindringen.

Vermeiden Sie Gespräche über Politik. Das Verhältnis zu Zypern oder den armenischen und kurdischen Minderheiten sind sensible Themen. In der Türkei werden diese Dinge anders kommuniziert als in der EU. Und falls Sie glauben, man könne über Politik reden und diese Themen aussparen, werden Sie schnell merken, dass man immer vom einen zum nächsten Thema kommt … Wird es z.B. besser, wenn man über die Flüchtlinge in der EU redet? Daher: lassen Sie es besser gleich sein. Oder Sie fragen und können sich mit Ihren Ansichten zurücknehmen – dann können Sie viel lernen.

Wie sicher ist die Türkei?

Ich kann verstehen, warum viele Leute einen Argwohn gegen die Türkei haben. Die Medien (in der EU und USA) zeigen das Land in einem schlechten Licht. Es gibt politische Spannungen zwischen der Türkei und anderen Ländern – klare Sache. Nur werden die anscheinend zum Vorwand genommen, um generell die Sicherheit und Lebensqualität in der Türkei herabzusetzen: Die Türken, das sind die Teufel! Dennoch sprechen Gründe für die Türkei als Zielland.

Gründe für einen Umzug in die Türkei

Eine Aufenthaltserlaubnis in der Türkei zu erhalten, geht schnell & einfach

Jeder Deutsche kann ab dem ersten Tag im Land eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Um eine Aufenthaltskarte zu erhalten, müssen Sie eine Wohnung für ein Jahr mieten, einige Formulare ausfüllen und sich bei der Einwanderungsbehörde Ihres Wohnortes bewerben. Sie können dies selbst tun oder jemanden einstellen, der Ihnen hilft. Einreiseregelungen im Detail

Die Türkei zählt zu den Ländern, in denen die Aufenthaltserlaubnis mit wenig Aufwand und Geld zu kriegen ist. Viele Länder mit einer hohen Lebensqualität (wie Kanada, USA, Australien,) sind berüchtigt für ihre strengen komplizierten Einwanderungsverfahren.

Türkei für Auswanderer: Istanbul, Stadtansicht, Teil Galata.
Kleiner Ausschnitt einer großen Stadt: Istanbul, Stadtteil Galata. Der Name des Stadtteils geht auf die Kelten (Galater) zurück. Galata war in byzantinischer Zeit eine eigene Stadt am Nordufer des Goldenen Horns, 400 Meter von Byzanz entfernt. Heute hat die Metropole alles einverleibt und wächst und wächst und wächst …

Die Türkei ist ein sicheres Reiseland

Überrascht Sie das? Dann lesen Sie, was Anya erzählt: „Tatsächlich fühlen wir uns hier [in der Türkei] persönlich definitiv sicherer als in jedem anderen Land der EU (außer Norwegen, Österreich und der Schweiz) oder in den USA.“ (Is Turkey a good country?)

Großstädte, wo Ausländer normalerweise leben, wie Istanbul, Ankara, Izmir, Bursa, Antalya, Bodrum, Fethiye sind sehr sicher. Das Gleiche gilt für die Ägäis und die Türkische Riviera. In den Städten sieht man keine betrunkenen Leute auf den Straßen. In den Innenstädten gibt es kaum Obdachlose oder Bettler. Natürlich kann es einige gefährliche Viertel geben, die man meiden sollte – die Einheimischen, die Taxifahrer, die Leute im Hotel kennen diese und werden Sie ggfs. warnen.

Nochmal Anya: „In vielen Stadtteilen von Antalya, Alanya, Izmir und sogar Istanbul können Sie mitten in der Nacht mit Kindern spazieren gehen und absolut sicher sein. Wir können unsere persönlichen Sachen am Strand lassen, schwimmen gehen und wissen, dass bei unserer Rückkehr alles an seinem Platz ist. Das Gemeinschaftsgefühl in der Türkei ist sehr stark und die Menschen helfen sich gegenseitig. (…) Ich hätte zum Beispiel nicht erwartet, in wirklich jeder Stadt, die wir in Ländern der Europäischen Union besucht haben, so viele Obdachlose zu sehen. Und ich hätte nicht erwartet, dass so viele Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben. Außer Obdachlosen sahen wir oft Betrunkene auf der Straße, viele Bettler, Zigeuner, Drogenabhängige und einfach sehr arme Leute. So kam es, dass wir uns in vielen Großstädten in der EU nicht ganz sicher gefühlt haben.“

Fazit: Sicherheit heißt nicht, dass Sie mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen und erwarten können, dass das gut endet. Sicherheit meint, dass die alltäglichen kleinen Vorbereitungen ausreichen, um wohlbehalten durch den Tag und die Nacht zu kommen.

Das Leben in der Türkei ist günstig

Eine gute Lebensqualität für kleines Geld: um bequem zu leben, zu reisen, gut zu essen und einfach glücklich zu sein. Es gibt türkische Städte, in denen Sie von 1.000 USD pro Monat leben können bei hohem Lebensstandard. Istanbul ist teurer. „Wir können uns hier viel mehr leisten als in einer Kleinstadt in Europa und geben so viel Geld aus wie in der Ukraine“, schreibt Anya, die gebürtige Ukrainerin ist.

Günstige Immobilien, niedrige Steuern

Der Kauf einer Immobilie in der Türkei ist bei Deutschen, (und Ukrainern, Russen und Briten) sehr beliebt. Manche wohnen darin, viele sehen es als Geldanlage. Was spricht dafür? Die Türkei liegt mit ihren Immobilienpreisen, niedrigen Steuern, der wirtschaftlichen Entwicklung und bei den Lebenshaltungskosten vor Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland. Der Kauf von Wohneigentum ist einfach. Die Steuern sind erschwinglich.

Beispielsweise kostet eine vergleichbare Immobilie in der Türkei 3,5-mal weniger als in Spanien. Die jährliche Grundsteuer beträgt 0,1 bzw. 0,2 % der Kosten für Wohnimmobilien und Grundstücke ohne Baugenehmigung. Die Steuer für Grundstücke mit Baugenehmigung beträgt 0,3 bis 0,6%. Wenn der Eigentümer das Haus bewohnt, ist nur Wohneigentumssteuer zu zahlen, keine Grundsteuer.

Ein weiterer wichtiger Grund, in die Türkei zu ziehen, ist das Klima. Dieses sonnige, warme Land hat 300 Sonnentage im Jahr und milde Winter. Die einzige Ausnahme ist der Süden des Landes: im Juli und August sengende Hitze.

Gesundheitsversorgung

Gesundheitsdienste in der Türkei sind erschwinglich, wenn Sie versichert sind. Als Ausländer benötigen Sie diese Versicherung sowieso für die Aufenthaltserlaubnis.

Die Qualität der Gesundheitsversorgung ist ziemlich hoch und erschwinglich. Die Türkei gehört zu den Top-10-Ländern weltweit im Medizintourismus. Medizintourismus ist laut dem Türkischen Gesundheitsreiserat eine der am schnellsten wachsenden Industrien.

Landesgliederung: Städte und Regionen

Landeskarte der Türkei mit Großstädten, und angrenzenden Staaten
Landeskarte der Türkei mit Großstädten, Nachbarländern, Mittelmeer und Schwarzem Meer

Die Türkei erstreckt sich geographisch über zwei Kontinente. Der asiatische Teil, Anatolien, nimmt 97 % der Fläche ein. Der europäische Teil, Ostthrakien, umfasst nur 3 % der Fläche, aber da liegt Istanbul, Heimatstadt eines Fünftels aller Türken. Die größte Stadt ist auch das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes. Istanbul hieß früher Konstantinopel.

Die Türkei wird unterteilt in die Schwarzmeerregion, die Marmararegion, Ägäis und Mittelmeerregion. Der größte Teil Anatoliens ist für Ausländer ‚Hinterland‘: leben tun sie dort nicht, vielleicht betreten sie es als Touristen. Dieses riesige Gebiet unterteilt sich in Zentralanatolien, Ostanatolien und Südostanatolien.

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Die Marmararegion umschließt das Marmarameer. Die Landschaft ist hügelig und von Büschen und Wäldern bedeckt. Der fruchtbare Boden weicht im Osten der Steppe. In dieser Region liegt Istanbul – das Zentrum der Türkei. Das Marmarameer ist seit Frühjahr 2021 durch Algenschleim eine schmierige braungraue Brühe. Die rasant gestiegene Algenpopulation ist Folge der Wasserverschmutzung und wohl auf längere Zeit nicht zu beheben. Selbst wenn die Oberfläche mal wieder klar aussieht, ist das Problem nicht weg, der Schleim senkt sich ab in tiefere Wasserschichten.

Die Ägäisregion ist nach der Marmararegion das Hauptwirtschaftsgebiet der Türkei. Lebendige Wirtschaft, Infrastruktur, Expats und Einwanderer – das geht alles zusammen. Die hügelige Landschaft erstreckt sich entlang der Westküste zwischen Çanakkale und Bodrum und gehört auch touristisch zu den am besten erschlossenen Regionen der Türkei. Zypressen, Ölbäume und Wein künden von der frühen Besiedlung. In dieser Region finden sich Reste der antiken Welt: Troja, Pergamon, Ephesus, Priene und Milet.

Das antike Theater in Ephesus ( Ephesos).
Das Theater in Ephesus. Ephesus war in der Antike eine der bedeutendsten Städte und beherbergte eines der Sieben Weltwunder. Heute zählt es zum Weltkulturerbe der Unesco.

Mit am bekanntesten ist die Südküste der Türkei – die Türkische Riviera. Sie ist das Ziel der meisten Ausländer, die hier Sonne und Luxus zum kleinen Preis suchen.

Die Schwarzmeerregion ist der Küstenstreifen im Norden der Türkei, an der Südküste des Schwarzen Meeres. Sie ist geprägt durch ein mildes, feuchtes Klima, und große Wälder. Auf dem sehr fruchtbaren Boden werden Tee, Tabak, Mais und Haselnüsse angebaut.

Zentralanatolien, das sind Hochebenen und Gebirgsketten mit bis zu 3900 Metern Höhe. Im Osten liegt Kappadokien, das wegen seiner in Tuffstein getriebenen Wohnhöhlen und Felsenkirchen berühmt ist.

Südostanatolien ist historisch das Stammland der Türkei. Sie wird vom Taurus-Gebirge umschlossen. Es ist das uralte Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.

Was Sie außerdem wissen sollten: Der Norden der Türkei gehört zu den am stärksten erdbebengefährdeten Regionen der Erde.

Bevölkerung

2003 lebten in der Türkei 70 Millionen Menschen, 2014 waren es 77,7 Millionen. Die Türken sind ein sehr junges Volk. Der Altersdurchschnitt lag bei etwa 30,7 Jahren (Stand 2014). Die Altersstruktur: 24,28% der Türken sind unter 14 Jahre alt, 67,75% zwischen 15 und 64 Jahre und nur 7,97% über 65.

Geschichte

Vorher war da Kraut und Rüben, und den eigentlichen Anfang von allem, was heute groß und bedeutsam und geschichtsträchtig ist, machten die Hethiter. 1600 v. Chr. gründeten sie ihr Großreich mit der Hauptstadt Hattuša. Es währte 400 Jahre und strahlt doch bis heute.

Die Westküste Anatoliens wurde später von Griechen besiedelt. Sie expandierten weiter Richtung Süden und nach Norden bis an die Schwarzmeerküste. Im 3. Jh. eroberte Alexander der Große ganz Kleinasien.

Wirtschaft

Es gibt den Küstengürtel im Westen mit modernen Industrie und es gibt den Rest. Dieser riesige „Rest“ im Osten ist dünn besiedelt, dort gibt es im wesentlichen Viehzucht und Landwirtschaft.

Die türkische Wirtschaft wächst und die Inflation galoppiert. Beides geht seit über 20 Jahren so. Ende 2018 ist die türkische Wirtschaft in die Rezession gerutscht.

Tourismus

Die Türkei ist eines der beliebtesten Urlaubsländer der Welt. Die meisten Touris kommen aus Russland und Deutschland, habe ich gelesen. Ob es stimmt, weiß ich nicht, aber wundern würde es mich nicht. Im Rekordjahr 2019 kamen 51 Millionen Feriengäste in die Türkei!

Göreme in Kappadokien
Göreme. Der Ort ist Zentrum des Nationalparks in Kappadokien.

Andererseits

An dieser Stelle könnte es scheinen, als ob ich die Türkei als Auswandererparadies darstellen wollte. Dem ist nicht so! Den oben genannten Fakten steht die andere Kultur gegenüber. Nicht normal Deutsch sprechen zu können, sich den Nachbarn nur wenig oder in einer Fremdsprache mitteilen zu können, da fehlt was. Eines Morgens wundern Sie sich, dass alle zu Hause sind: „Ah, es ist ein Feiertag – aber welcher?“, fragen Sie sich. Eine Kultur, die ihre Wurzeln nicht im Nibelungenlied, Goethe und dem Alten Fritz hat, sondern im Schlamm des Euphrat – das ist eine andere Welt, auch wenn das Internet schnell und die Steuern niedrig sind. Ob es eine Welt ist, in der Sie leben möchten, das können Sie nur selbst herausfinden.

Aber Sie sollten Ihre Erfahrungen machen (sonst bereuen Sie es am Ende nur). Und darum habe ich mich bemüht, die Türkei in ein gutes Licht zu stellen – in der Annahme, dass sie für viele Deutsche erst einmal auf der ‚Ausschlussliste‘ steht. Auf die gehört sie nicht.

Weiterführende Links

Einreise und Aufenthalt in der Türkei

zuletzt bearbeitet: 05.11.2021

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